La Route des Grandes Alpes – Mit Rennrad, Zelt und Schlafsack

Unser Mitglied Harry Fürst war Ende Juli in den Alpen unterwegs und hat uns dankenswerter Weise seinen Bericht über seine anstrengungsvolle und erlebnisreiche Tour über viele französiche Alpenpässe zur Verfügung gestellt. Es lohnt sich, den Bericht zu lesen und gratulieren ihm zu seiner bemerkenswerten Tour. Am Ende des Berichts untertreichen schöne Bilder von Harry den Bericht.

Es geht los…

Es ist 3.30 Uhr am frühen Morgen, als ich am Flughafen Nizza aus dem Flixbus steige. Abgesehen davon, dass Flixbus zwei Tage vor Reisebeginn meinen vor Monaten gebuchten Termin storniert hatte und ich die Fahrt um einen Tag verschieben musste, verlief die Anfahrt nach Nizza reibungslos und war zudem preiswert: Lindau – Nizza für 50 Euro inclusive Fahrradtransport.

Es ist noch stockdunkel, als ich mich für meine große Fahrt herrichte: „La Route des Grandes Alpes“ ist mein Ziel. Was bei Wanderern der E5 und bei Skibergsteiger die Haute Route ist, ist für Rennradfahrer die „Route des Grandes Alpes“, die bekannteste und beliebteste Alpenüberquerung auf den Spuren der Tour de France.

Normalerweise wird die Grande Route vom Genfer See zum Mittelmeer gefahren. Ich entschied mich für die umgekehrte Richtung, weil ich dadurch das Busticket langfristig buchen konnte und anschließend mit dem Rad bis Bodnegg heimfahren wollte. Zudem hatte ich ein kleines Zelt, Schlafsack und Isomatte dabei. Ich wollte absolut unabhängig sein, brauchte keine Hotels reservieren, musste keine bestimmten Etappenziele anfahren und konnte jederzeit und überall übernachten. Zeltplätze gab es an der Route mehr als genug.

Diese Art zu reisen forderte natürlich ihren Tribut: 16 kg Gepäck verteilt auf 2 Radtaschen und eine Gepäckrolle ließen mich zunächst erschrecken, als ich versuchte, das gepackte Rad anzuheben. Manche Ausrüstungsgegenstände brauchte ich aufgrund des dauerhaft schönen Wetters dann nicht, aber Regenausrüstung und Bekleidung für kaltes Wetter ist absolut Pflicht.

1. Etappe:       Nizza-Col d’Eze-Menton-Col de Castillon- Col de Turini

Inzwischen ist es 5.30 Uhr, als es endlich dämmert. Es geht los. Die ersten Pedalumdrehungen; viel werden folgen. Mit der Stirnlampe leuchte ich meinen Komoot-Track an, der mich wirklich gut durch die 350.000-Einwohner-Stadt Nizza leitet. Der erste Anstieg führt zum Col d’Eze hoch, 600 Meter über Monaco gelegen. Auf der anderen Seite geht es gerade wieder ans Meer hinunter nach Menton. Für die 36 km und 600 Hm brauchte ich knapp 3 Stunden – ich bin etwas ernüchtert. Nix wie ins Meer. 25 Grad, azurblau, hier könnte man eigentlich bleiben.

Aber ich will ja nicht Badeurlaub machen, ich will zum Genfer See fahren. Ein letzter Blick zum Meer, dann geht es nach Norden. Bereits nach 10 km ist es absolut ruhig geworden. Auf dem Weg zu Col de Castillon überholt mich in beeindruckendem Tempo ein Fahrer des Arkea-Rennstalls, begleitet von einem Motorroller. Kurz vor dem Gipfel kommt er mir wieder entgegen. Es ist Nairo Quintana auf seinem Canyon-Rennrad.

Abfahrt nach Sospel. Landschaftlich sehr schön und ebenso einsam ist der 24 km lange Anstieg zum Col de Turini, bekannt von der „Nacht der langen Messer“, der berühmten Etappe der Rallye Monte Carlo. Schließlich die letzte Abfahrt des Tages. In Roquebilliere finde ich einen schönen Zeltplatz. Kaum steht das Zelt, zieht ein heftiges Gewitter über das Tal hinweg.

2. Etappe:           Col du St. Martin – Col de la Couillole – Col de Valberg

Erster Pass des Tages: Col du St. Martin, 20km, 1000 Hm. Angenehmer Anstieg, landschaftlich schön und sehr einsam. Danach Abfahrt ins Tineetal. Kaum habe ich den tiefsten Punkt erreicht, geht es auf der anderen Seite auch schon wieder aufwärts. Die Anstiege werden länger und steiler. Diesmal 16 km, 7 Prozent Durschschnittssteigung, wieder sehr einsam. Manchmal vergeht eine Viertelstunde, bis ein Auto oder Motorrad entgegenkommt. Nach kurzer Abfahrt mit wenig Höhenverlust ist der Col de Valberg nur noch Zugabe. Der höchste Punkt befindet sich mitten im Wintersportort Valberg, in dem auch jetzt im Sommer der Bär los ist. Unten im Talort Guillaumes finde ich den nächsten Zeltplatz.

3. Etappe:       Col de la Cayolle –Col de Vars

Die Pässe werden höher, der Col de la Cayolle ist bereits 2326 m hoch. 30 km lang ist die Auffahrt, zuerst flach, dann steigen die Prozentzahlen. Landschaftlich ein Traum, man sieht die ersten Gletscherberge. Vor Jahren bin ich diesen Pass schon einmal in umgekehrter Richtung gefahren. Der Cayolle ist einer der schönsten Alpenpässe und die Abfahrt hinunter nach Barcelonnette durch die Bachelardschlucht ist einer der schönsten Abschnitte der gesamten Route des Grandes Alpes.

Inzwischen ist es von Tag zu Tag heißer geworden. In Barcelonnette herrscht eine Backofenhitze. Soll ich den Col du Vars heute noch fahren? Eine Portion Spaghetti und ein Bierchen geben mir wieder Auftrieb. Ein starker Rückenwind treibt mich dermaßen vorwärts, dass ich trotz schwerem Gepäck und leichter Steigung teilweise  mit über 30 km/h talaufwärts fliege. Dann ist das Fliegen vorbei, es wird steiler und die letzten 7 km sind knüppelhart. Durchschnittssteigung 8-9%, Spitzen bis 12%.Normalerweise kein Problem, aber mit diesem Gepäck….Belohnt werde ich mit einer Superabfahrt nach Guillestre hinunter. Dort belohne ich mich für diese stramme 120-km-Etappe gleich auch noch mit 2 großen Bière Pression und muss dafür den Kellner mit 18 Euro entlohnen.

4. Etappe:       Col d’Izoard – Col du Galibier

Was bringt der heutige Tag? Zwei große Alpenpässe, den Izoard und den Galibier. Schaffe ich beide? Hinter Guillestre führt die Straße lange flach in das Queyrastal hinein. Dann geht es rechts über den Col ‚Agnel nach Italien, links beginnt für mich der eigentliche Anstieg. Die ersten Kilometer bewegen sich noch zwischen 5 und 8%, aber die letzten 8 km liegen ständig zwischen 8 und 10 Prozent mit Spitzen darüber. Die Waldgrenze ist längst überschritten, ich durchfahre eine zerklüftete und wilde Felsregion, gekrönt von der Casse Deserte, einer wüstenartigen Verwitterungslandschaft. Mit mir am Gipfel kommen gerade auch ein paar Fahrer des UAE-Rennstalles an – die Tour de France lässt grüßen.

Der erste Gipfel ist geschafft. Abfahrt nach Briancon bei über 35 Grad. Die Stadt glüht, mein Kopf auch. Nichts wie weg. Zwischenziel ist der Col du Lautaret, Übergang nach Alpe d’Huez, 27 km von Briancon entfernt. Immer 3-4% ansteigend. lässt der Verkehr langsam etwas nach, Rückenwind und Gegenwind wechseln eigenartigerweise. Nach 2 Stunden sitze ich oben am Pass und schütte eine Cola in meine ausgedorrte Kehle.

9 km  sind es noch bis zum Galibier, es ist erst 16 Uhr , das reicht. Nach der Pause mache ich mich an den Schlussanstieg. Nie extrem steil, immer zwischen 6 und 8 Prozent, wenig Verkehr. Die große Hitze ist weg, dann bin ich oben. Ein Stück weit entfernt ist der Mont Blanc zu sehen, zum Greifen nahe gegenüber die Gletscherflanken der Meje, dahinter der südlichste Viertausender der Alpen, die Barre des Ecrins. Vor Jahren war ich dort mit Skiern oben.

Ich genieße lange die Rundblicke oben am Pass, halte ein paar Schwätzchen mit anderen Radlern, dann mache ich mich an die 20 km lange Abfahrt nach Valloire.

5: Etappe        Col d’Iseran – Das Dach der Tour

Heute geht es über das Dach der Tour, den höchsten Punkt meiner Reise, über den 2770 m hohen Col d’Iseran. Die Etappe beginnt mit einem  200-m-Anstieg auf den Col du Telegraphe. Er liegt noch im Schatten, die Steigungsprozente sind gering, es macht richtig Laune. Schnell bin ich oben. Noch schneller bin ich nach einer tollen Abfahrt tief  unten im Tal des L’Arc. 550 müM zeigt mein Höhenmesser. 2770 m ist der Iseran hoch und 75 km ist er noch entfernt!!!

Die ersten 20 km sind regelrecht ätzend, aber dann durchfahre ich wunderschöne einsame Hochtäler, komme durch Lanslebourg und die letzte Ortschaft Bonneval und dann wird es richtig steil. Viele Kilometer zwischen 8 und 11%, unterbrochen von Flachstücken bringen mich dem Gipfel näher. Zwei kurze 5-Minuten-Gewitter überstehe ich schadlos und dann erreiche ich endlich den Col d’Iseran, 2770 m hoch. Ein richtig langer Anstieg war das. Kalt und windig ist es hier oben. Das erste  und letzte Mal, dass ich auf der Tour lange Hosen und Anorak brauche.

Wer lange hinauf fährt, darf auch lange abfahren. 50 km lang ist die Abfahrt, bei der man auch durch Val d’Isere kommt. In Bourg St. Maurice ist diese Monsteretappe schließlich zu Ende.

6. Etappe:       Cormet de Roselend – Col des Saisies – Col d’Aravis

Der schwierigste Teil meiner Reise ist überstanden, di e höchsten Pässe liegen hinter mir.

Den ersten Pass des heutigen Tages, den Cormet de Roselend, kenne ich schon. Direkt in Bourg St. Maurice beginnt der Anstieg: 15 km, 1100 Hm. Grandiose Berglandschaft, kaum ein Auto, kaum ein Motorrad, wolkenloser Himmel – ein Traum.

Den absoluten Kontrast erlebe ich am nächsten Pass, dem Col des Saisies: Ein typisch französischer Winter- und Sommersportort mit vielen Bausünden im Zeichen des Eventtourismus: Sommerrodelbahnen, Flying Fox, der Ort großflächig zugepflastert mit Mountainbike-Parcours in allen Variationen.

Wiederum wohltuend angenehm dagegen der Col d’Aravis. 12 km einsamer Anstieg, wunderbare Voralpenlandschaft. Hier soll dieses Jahr die Tour de France durchkommen. Obwohl die Pässe niedriger geworden sind, kamen am Ende des Tages doch wieder 2700 Hm zusammen

7. Etappe:       Col de la Colombiere – Col des Gents –Thonons-les-Bains (Genfer See)

Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert, werde ich heute den Genfer See erreichen. Nur 2 Pässe liegen noch vor mir.

Direkt in meinem Übernachtungsort Le Grand Bornand beginnt der Anstieg zum Col de la Colombiere, 12 km lang und steiler als vermutet. Oben Cola-Pause, dann Abfahrt nach Cluses, einer kleinen Industriestadt im Arvetal.

Nur ein letzter Pass steht jetzt noch im Weg. Ich unterschätze ihn völlig. Obwohl nur 1170 m hoch, ist auch hier der Anstieg zum Col das Gets wieder 12 km lang, zudem ist es wieder tierisch heiß. Mitten im Wintersportort Les Gets befindet sich der höchste Punkt. Ich muss ihn zuerst suchen und finde schließlich den Gipfelstein versteckt in einem Kreisverkehr. 40 km Abfahrt zum Genfer See folgen. Endlich das Ortsschild: Thonon-les-Bains. Ich tauche in die warmen Fluten des Genfer See ein. Die Reise ist zu Ende.

Ein Überblick:

 PässePasshöheTageskilometerHöhenmeter
EtappeCol d’Eze Col de Castillon Col de Turini507 m 706 m 1604 m1102600
EtappeCol St. Martin Col de la Couillole Col de Valberg1500 m 1678 m 1672 m932490
EtappeCol de la Cayolle Col de Vars2326 m 2108 m1202600
EtappeCol d’Izoard Col du Galibier2360 m 2642 m1102850
EtappeCol du Telegraphe Col d‘Iseran1566 m 2770 m1402430
EtappeCormet de Roselend Col des Saisies Col des Aravis1967 m 1650 m 1486 m1032700
EtappeCol de la Colombiere Col des Gets1613 m 1170 m1001520
Gesamt:17 Cols 77617190

Rückblick:

Nach Horsts Rucksacktour und unserer Deutschlandtour von Flensburg nach Erfurt war dies in diesem Jahr meine dritte Rennradtour mit Gepäck. Die ersten beiden Male mit Hotelübernachtung, diesmal mit Zelt und Schlafsack völlig unabhängig von festen Tageszielen und Reservierungen.

Auf der einen Seite passt diese Art zu reisen sicher gut in die Zeit von Corona und Klimawandel. Unterstützt von Bus und Bahn ist vieles möglich. Es ist erstaunlich, wieviel Gleichgesinnte mir mit kleinerem und großem Gepäck begegnet sind. Die Kultur des Sich Grüßens ist in Frankreich sehr viel ausgeprägter als bei uns; ein zusätzliches „Daumen hoch“ anerkennt die Leistung des anderen.

Auf der anderen Seite war natürlich die sportliche Herausforderung Antrieb für meine Unternehmung. Ich habe das Glück, in meinem Alter noch ziemlich leistungsfähig zu sein und als ehemaliger Alpinist bin ich es gewohnt, größeres Gepäck zu transportieren. Mit Zelt und Schlafsack sinkt natürlich die Reisegeschwindigkeit, aber Zeit hatte ich ja genug und immer auch die Möglichkeit, die Tagesetappe irgendwo zu beenden und an Ort und Stelle zu übernachten.

Interessant im Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit sind die Anpassungserscheinungen des Kreislaufs. So sank im Lauf der Tage die Herzfrequenz trotz gleichbleibender Belastung um 20-30 Schläge bis in den GA1-Bereich.

Das Landschaftserlebnis war schlicht einmalig. An der Côte d‘Azur gestartet durchquerte ich verschiedene Regionen von den Meeralpen bis zu den Hochalpen, verschiedene Nationalparks und viele einsame, verkehrsarme Täler , weil die Pässe von fast ausschließlich nur von touristischer Bedeutung sind. Zudem kommt man vom Meer bis fast an die Dreitausendergrenze. Und immer wieder ist der Blick frei auf die allerhöchsten Alpengipfel.

Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad noch in 3-4 Tagen vom Genfer See bis Bodnegg weiterfahren. Jedoch waren für die folgenden beiden Tage Temperaturen von über 36 Grad  und anschließend heftige Gewitter vorhergesagt. Deshalb beendete ich am Genfer See meine Unternehmung, fuhr noch mit dem Rad nach Montreux und stieg dort in den Zug nach Hause.

So ist ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt.

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